Archiv der Kategorie

Feuilleton

Kunst & Kultur, Geschichte & Gegenwart. Gott & die Welt. Religion. Sprache & Schrift. Mucke & Glotze.

Jan Hus wird zum zweiten Mal verbrannt

hus

Zweieinhalb Stunden lang habe ich ihn ausgehalten, den 2*2=4 Stunden langen tschechischen Historien-Fernsehfilm von Jirí Svoboda (Buch: Eva Kanturková), deutsche Erstausstrahlung am 1. Juli 2015 auf arte. Eigentlich hätte ich mich am liebsten schon nach einer Stunde ausgeklinkt, aber ich wollte doch noch abwarten, ob die für die böhmische Reformation so immens wichtige Frage des Laienkelches, also des Abendmahls in beiderlei Gestalt, überhaupt noch erwähnt wird. Wird sie, aber eben erst nach sage und schreibe zweieinhalb Stunden.

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„ganz viel“ – Der Siegeszug der Atta-Atta-Sprache

Z 025

Nein, einen Radiosender wie NDR Info oder eine Fernsehsendung wie Hallo Niedersachsen (die hiesige vorabendliche Landesschau des NDR-Fernsehens) können Sie nicht einschalten, ohne daß Sie nach spätestens zwei Minuten jemanden „ganz viel“ sagen hören: „Da haben wir ganz viele neue Möglichkeiten, Flüchtlinge unterzubringen – wir müssen uns nur ganz viel Mühe geben.“ „Es muß endlich mal wieder ganz viel regnen, sagen die Landwirte.“ Die Floskel ist bei Journalisten und Interviewten gleichermaßen beliebt.

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Kolonialismus (und Kopftücher)

nds

Walter van Rossum verbreitet auf den NachDenkSeiten hanebüchenen Unsinn (leider ist dieses ansonsten kaum genug zu preisende Web-Projekt nicht immer ganz frei von derlei):

Und mit ein paar Wikipedia-Studien könnten sogar TTT-Autoren herausbekommen, dass „der“ Islam vor allem in den Ländern mächtig ist, die nach über zweihundert Jahren westlicher Kolonialherrschaft gewissermaßen als politische Missgeburten das Licht der Welt erblickt haben und als Staaten eben deshalb nie funktioniert haben.

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Licht aus

mond

Also gut, wenn es denn den sächselnden Protofaschisten gelungen ist, einen kleinen Sieg, einen allerersten Anfangserfolg gegen die übermächtige und allgegenwärtige Dauer-Anstrahlerei jedes auch nur halbwegs sehenswerten Gebäudes in wirklich jeder langweiligen Mittelstadt zu erringen, so sei ihnen von Herzen gedankt.

Lutz, bitte noch ’ne Bratwurscht! Und meine Mendy, Jahrgang ’75: Ich liebe Dich! :love:

Seit fünfzehn Jahren bin ich auf dem Weg nach links. Hier, wo ich jetzt stehe, werde ich wohl eine Weile bleiben. Ich hoffe mithin, gegen den Vorwurf, „Kulturkritik“ zu betreiben, halbwegs gewappnet zu sein.

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Flüchtlinge willkommen! Wirklich?

refugees_welcome

Nicht nur Dresden läuft. Auf dem Logo der gegen die Dresdner Ereignisse gerichteten sicher sehr lobenswerten und sehr gutgemeinten Kampagne laufen auch die Flüchtlinge. (Die ein bißchen aussehen wie die alten grünen DDR-Ampelmännchen.) Es steht zu hoffen, daß sie besser laufen können als der Slogan, den man um sie herum drapiert hat: „Refugees welcome“. Denn dieser Slogan hinkt auf beiden Beinen.

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Dresden bleibt Dresden, wie es singt und läuft

semperoper

Dresden singt. Zwar erst seit gestern und auch nur etwas holprig und dürr die erste Strophe von „Alle Jahre wieder“, den Text vom Blatt im Großdruck abgelesen. Aber Dresden singt. Nur Dresden singt. Und Dresden läuft. Seit zehn Wochen schon, und bis jetzt laufen immer mehr Dresdner mit. (Nächsten Montag will man nicht laufen, denn dann kämen der Feiertage wegen zum erstenmal nicht noch mehr Leute, und das wäre ja peinlich.) Vor allem aber: nur Dresden läuft.

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Chanukka

chanukka

Heute (17. Dezember) ist der erste Tag des achttägigen jüdischen Lichterfestes, also der erste Tag von Chanukka. Wie immer bei jüdischen Feiertagen ist das Datum ein bißchen verwirrend: Diese Feiertage fangen immer schon bei Sonnenuntergang des Vorabends an – wie eben jeder jüdische Tag bei Sonnenuntergang des Vorabends beginnt und bei Sonnenuntergang endet. Dieser kleine Artikel wäre also eigentlich besser gestern abend erschienen – nach jüdischer Rechnung ist jetzt (22:30) schon der zweite Tag Chanukka.

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„Die Leute vom Damme“ 1 – Engelbosteler Damm Nr. 45

Brawand - Leute - 1

Es stimmte also:

[Nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Häuser am Engelbosteler Damm umnumeriert worden, so daß das Gebäude Nummer 119 jetzt die Nummer 45 hat. In dem nach der Brandnacht im Jahre 1945 wieder bewohnbar gemachten Haus existiert im Erdgeschoß noch das Zweiradgeschäft Fleischmann, von dem Sohn weitergeführt, und in den Räumen der früheren Bäckerei Seelemeier ist eine Gastwirtschaft eingerichtet worden]

S. 24

Brawand hat in dem Haus gewohnt, in dem auch heute noch mein Fahrradhändler Fleischmann sitzt. In Nr. 47 rechts daneben sitzt dann heute mein Zahnarzt. Aus beiden Häusern guckt man nach hinten auf den Schulhof der Lutherschule, auf der ich Anno 87 mein Abi gemacht habe.

Heimat! :-)

Ganze Männer

Honoré Daumier: Don Quijote - ca. 1868

Hier möchte ich zwei Zitate hintereinander stellen, die hintereinander zu stellen manchen überraschen mag, die mir aber erstaunlich gut zusammenzupassen scheinen – Hervorhebungen in halbfett jeweils von mir. Das erste stammt aus Albrecht Müllers vor einem Jahr erschienenen Buch „Brandt aktuell“, und zwar handelt es sich um die bewegenden letzten Absätze des Werkes, ich hatte sie hier schon einmal zitiert:

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Stalins Ukraine

ukraine_wappen

Viel ist dieser Tage von der Souveränität der Ukraine und von der Verletzung dieser Souveränität durch Rußland die Rede – am allermeisten und wieder und wieder in der FAZ, aber auch in vielen anderen rußlandfeindlichen Mainstream-Medien. Auch wenn dem nicht per se zu widersprechen sein sollte, scheint doch ein Blick in die Geschichte angezeigt, um sich klarzumachen, daß die Souveränität und die territoriale Ausgestaltung dieser Souveränität direkte Ergebnisse der bolschewistischen Nationalitätenpolitik in den Jahren nach der Oktoberrevolution sind.

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Mein 9. November 1989

Mauerfall_89

Im November 1989 war ich im zweiten Semester und demgemäß mit dem noch eifrigen Studieren befaßt – noch eifriger hingegen mit Partyfeiern, Diskogehen und irgendwelchen Weibergeschichten. Meine Erinnerungen an den 9. November und die Tage danach sind daher vage und unpräzis.

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„Das ist nicht so meins“ / „Das ist genau meins“

Eine der absolut nervtötendsten Mode-Sprachmarotten des letzten Jahres… :übel:

junge Welt: „Rechtsrutsch droht“

07.04.2014: Rechtsrutsch droht (Tageszeitung junge Welt)

Ähnliche Stimmen warnen, daß der Dynastie der Gandhi-Familie nun eine harsche Modi-Diktatur folgen könnte. Sie wäre eine besondere Variante des Neoliberalismus, verquickt mit hinduistischem Nationalismus und ökonomischem Fortschritt. In der Times of India schreibt der Analyst Kanti Bajpai von der Gefahr einer »Reise in Richtung weichem Faschismus«. Sie erhalte Nahrung durch die Ansicht, nur Modi könnte Indien retten, er sei der »einzige entschlossene, effektive, saubere und visionäre Politiker«. Unterstützt werde er von Unternehmern, die genug hätten von kostspieligen Sozialprogrammen, maroder Infrastruktur und zu vielen bürokratischen Vorschriften, und einer enttäuschten Mittelklasse, die zwischen der Oberschicht und den Armen hänge und nicht genug vom Wirtschaftsaufschwung profitiere.

Das kennen wir doch irgendwie aus der näheren Nachbarschaft Europas, nicht wahr?

Der „Aprilscherz“ der NachDenkSeiten

Schwaben sollen bitte schaffen – das können sie. Aber bitte keine Witze machen. Das können sie definitiv nicht.

Und überhaupt sollte niemand „Aprilscherze“ machen.

:crap:

FAZ: „Krim-Krise: Wladimir Putins Kampf gegen den Rest der Welt“

Krim-Krise: Wladimir Putins Kampf gegen den Rest der Welt

Ein gutmütiges Russland und viele böse Nachbarn – so sieht die Grundeinstellung des russischen Präsidenten aus. Das Verhältnis zwischen seinem Land und dem Rest der Welt beschreibt er als ständigen Abwehrkampf.

Ich (und jeder) weiß, daß diese Mischung aus Larmoyanz und Aggressivität für den russischen Nationalismus (und weiß Gott auch für andere Nationalismen, so auch für den deutschen) ganz typisch ist. Allein: Nach der Lektüre von Putins Rede vermag ich in ihr nichts oder doch nur sehr wenig davon zu entdecken. Veser unterstellt hier Putin, etwas gesagt zu haben, was jeder Rußland-Hasser von ihm erwartet hätte, was er aber nicht gesagt hat, jedenfalls nicht essentiell.

Historisch ist Putins Behauptung falsch, der Osten und der Süden der heutigen Ukraine gehörten eigentlich nicht zu ihr – in diesen Gebieten sind seit dem 15. Jahrhundert Gemeinwesen ukrainischer Kosaken entstanden, die erst ab Mitte des 17. Jahrhunderts unter Kontrolle des Zarenreichs gerieten.

Hier bemüht Veser einen nationalen Mythos zur Widerlegung eines anderen! Als ob die Saporoger Kosaken wirklich Ukrainer (oder auch nur ihre „Vorfahren“) gewesen seien! Mumpitz! Um von der äußerst zweifelhaften Zeitangabe „15. Jahrhundert“ gar nicht erst zu reden.