Die Welt riecht süß nach Gestern
Die Welt riecht süß
nach Gestern.
Düfte sind dauerhaft.
Du öffnest das Fenster.
Alle Frühlinge
kommen herein mit diesem.
Die Welt riecht süß
nach Gestern.
Düfte sind dauerhaft.
Du öffnest das Fenster.
Alle Frühlinge
kommen herein mit diesem.
Aus der schon erwähnten „Kulturgeschichte der Gewürze“ ein unschlagbares Zitat über den Duft:
„Eigentlich lebt der Duft in der Unterwelt. Geleitet von der Augenmafia, überwacht von Ohrenspitzeln. Deswegen wohl auch immer flüchtig.“
Markus Czygan
(Hier selbstverständlich keine Visualisierung durch ein Bildchen, das können wir dem Geächteten nicht auch noch zumuten.)
Bekanntlich empfinden viele Menschen, insbesondere Europäer, die die Verwendung von Koriandergrün als Küchenkraut nicht gewöhnt sind, seinen Geruch als unangenehm – nämlich als „seifig“ oder „wanzenartig“.
Das gibt es wieder, ich mochte zuerst meinen Augen nicht trauen, aber es stimmt – das Geburtstagsgeschenk war keine Fata Morgana und auch kein Jux. Vor mir steht ein 100-ml-Flacon Eau de Toilette. Nichtmuseal, kein Sammlerstück.
Van Gils war so etwa zwischen dem 23. und dem 27. Lebensjahr mein Parfum – dann wurde das eingestellt, ich habe mich wirklich jahrelang darüber geärgert.
Nun gibt es das wieder – die Überraschung hat wirklich gesessen. Grundton ist Bergamotte, also zitronig, dazu ein bißchen nach diversen Gewürzen – irgenwie nach Koriander und Zimt, auch einen „holzartigen“, etwas schwereren, kantigeren Unterton hat es, der immer besser und deutlicher kommt, wenn es länger auf der Haut gelegen hat. Es ist paradoxerweise in der Gesamtwirkung gar nicht fruchtig.
Ich bin mir nicht 100pro sicher, ob das noch paßt. Es ist im Moment so ein bißchen das Gefühl, einer Jugendliebe zu begegnen, die erstaunlichweise nicht gealtert ist. Man hat also seine wohlbegründeten Bedenken… Nun, auf das Experiment wollen wir uns aber gerne einlassen.
So, ich begebe mich fröhlich auf ein Terrain, auf dem ich mich nun gar nicht auskenne, auf dem mir aber doch den ganzen Nachmittag wohl zu Mute gewesen ist. Ich spreche nicht von Politik (für die das auch zuträfe), sondern von Parfums. Ich verwende seit fünfzehn Jahren wirklich täglich welche, ohne viel davon zu verstehen. (Mir wurde allerdings verschiedentlich bestätigt, daß mein Wahlen nicht ganz schlecht gewesen seien.)
Vor einer Handvoll Tage nun hatte ich eine liebe, duftbegeisterte Bekannte auf einen FAZ-Artikel aufmerksam gemacht. Es geht um die traditionsreiche Londoner Parfümerie Floris (gegründet 1730), die auch sehr geschickt mit ihrem Traditionsreichtum Marketing betreibt, z.B. indem sie ansonsten überhaupt kein Marketing betreibt. (Einen Webauftritt haben sie aber immerhin.) Sie machen einen Gutteil ihres Geschäfts mit „historischen“ Parfums und haben eine Reihe von Duftnoten im Angebot, die im 19., teilweise sogar im 18. Jahrhundert kreiert wurden. Parfums aus der Zeit vor der Französischen Revolution – wie faszinierend für einen Reaktionär!
Nun, für L. war es auf Anhieb offenbar noch faszinierender als für mich: Sie hat dort, drei Düfte bestellend, zugeschlagen. Ich hatte fast schon ein schlechtes Gewissen, sie zum Geldausgeben inspiriert zu haben, aber bald wurde mir klar, daß das ein wenig weitherziger Reflex war. Die Preise sind übrigens (vgl. den FAZ-Artikel) natürlich nicht ganz niedrig, aber auch keineswegs Wucherpreise. Sie sind, nun, solide, würde ich sagen. Ihr scheint’s Freude gemacht zu haben, heute nachmittag ist hier ein Päckchen von ihr mit Probefläschchen von den drei Parfums angekommen. (Auch hier nochmals: Danke!)
Es handelt sich um:
Alle drei sind sehr gradlinig, altmodisch und sozusagen bestimmt, prägnant und stilrein. Natürlich ist da überhaupt keine Bemühung um Dynamik oder Rasanz zu verspüren, schon gar nicht von hektischer Suche nach Originalität. Der Duft kommt selbstsicher, aber unaufdringlich auf einen zu. Man spürt auch, scheint mir, daß den Parfumeuren damals noch nicht die Marketing-Abteilung im Nacken gesessen hat.
„Special 127″ ähnelt von den Grundkomponenten (Bergamotte und Sandelholz) einem Parfum, das ich als junger Mann viel verwendet habe, ist aber, hm, „gedeckter“, kantiger und in meiner Nase gewürzhafter. Es wirkt ein bißchen betulich, man kann sich dazu wirklich sehr gut einen Herrn in der Belle Epoque vorstellen. Schön.
Immerhin: Sooo fremdartig wirken die Düfte nun auch nicht – ganz beruhigend, daß unsere ehrwürdigen Ahnen doch grosso modo die gleiche Nase hatten wie wir.