„Geschichte des Westens“ 1 – auf den ersten Metern
Nach dem langen Weg Deutschlands in den Westen nun der noch längere Weg des Westens zu sich selbst. Erste Eindrücke:
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Nach dem langen Weg Deutschlands in den Westen nun der noch längere Weg des Westens zu sich selbst. Erste Eindrücke:
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Heinrich August Winkler – Der Historiker, befragt von Frank A. Meyer
Vieles (nicht alles!) von dem, was Winkler zu sagen hatte, war seinen Lesern nicht ganz unbekannt. Dennoch war das eine herausragende und bewegende Fernseh-Stunde auf höchstem Niveau. Es gibt also noch Restbestände von Interview-Kultur im deutschsprachigen Fernsehen, und sei es gar in der Schweiz. Schade, 3Sat scheint keine Mediathek, oder derlei, zu haben.
Wichtiger Nachtrag: Doch, die Sache ist online:
http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=36138
Heute abend wird im „Bendlerblock“ in Berlin wie üblich der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 gedacht werden. In ihrer großen Mehrheit waren diese Männer klügere Reaktionäre und Aristokraten, die durch den Zusammenbruch der „Heeresgruppe Mitte“ der faschistischen „Wehrmacht“ im Hochsommer 1944 die Rote Armee nun doch bedenklich nahe vor ihren Gütern und ihrer Machtbasis in Ostelbien stehen sahen und denen nun auch tatsächlich klar geworden war, daß mit der Gewinnung neuer Güter im Kaukasus kaum noch rechnen sei.
Meinem grundsätzlichen Eindruck von diesem bedeutenden Werk des vielleicht bedeutendsten lebenden deutschen Historikers habe ich nichts hinzuzufügen.
Im letzten Kapitel („Abschied von den Sonderwegen. Rückblick und Ausblick“, S. 640-657) und auch schon in den Passagen zuvor fällt vor allem folgendes auf: Der rechte Sozialdemokrat Winkler wendet sich in ihnen besonders gegen die Linke, nämlich gegen den linken Flügel seiner eigenen Partei und gegen die Grünen.
Bd. 2, S. 123 f., Hervorhebung von mir:
Die Initiative zur Neugründung der SPD ergriff der frühere Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher, der im März 1943, nach einem fast zehnjährigen Martyrium, aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen worden war. Am 19. April 1945 – neun Tage, nachdem die Amerikaner Hannover eingenommen hatten – berief er ein erstes vorbereitendes Treffen ein; am 6. Mai – zwei Tage vor der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches – erfolgte die Gründung eines sozialdemokratischen Ortsvereins.
Ein hübsches Zitat auf der allerersten Seite von Band 2, nämlich S. IX:
Bei den Diskursen rückt, soweit es um die alte Bundesrepublik geht, seit den siebziger Jahren immer mehr die Linke in den Vordergrund. Sie verfügte seit dem ersten Bonner Machtwechsel von 1969 über die intellektuelle Hegemonie, und das zunehmend unangefochten. Der Geist weht, wo er will, aber von rechts wollte er offenbar nicht mehr wehen. Der einzige Glanz, den die intellektuelle Rechte verbreitete, war der ihrer Abwesenheit. Infolgedessen richtet sich auch meine Kritik in der Spätphase der alten Bundesrepublik vor allem an die Adresse der Linken. Die Kritik ist gelegentlich auch Selbstkritik: Der Autor war an einigen Diskursen, von denen in dem Buch die Rede ist, beteiligt.
Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Weltbühnen-Text von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1928 wiederum durch Winkler: „Berlin und die Provinz“. Daraus:
Was den republikanischen Gedanken in jener abgeschwächten Form angeht, in der er bei uns hergestellt wird, so ist zu sagen, daß draußen im Lande nur fleckweise etwas von ihm zu merken ist. Östlich der Elbe sieht es damit faul aus, rechts der Oder oberfaul.
Ein schönes Zitat über die Hauptträger des Antisemitismus in der Weimarer Republik (S. 429). Dieser differenzierende Ansatz scheint erklärungskräftiger, als „den Deutschen“ in toto nach Art eines Internet-Radaubruders „Neid“ zu unterstellen. Die Arbeiterschaft war eben nicht und niemals antisemitisch.
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Nach dem Gemecker gestern heute ein uneingeschränktes Lob: mir gefällt der „kalte Stil“ Winklers – eine Wohltat, gerade wenn man täglich mit hysterischem Blogger-Geschreibsel und Netz-Geschrei konfrontiert ist. Zur Veranschaulichung mögen die zwei Absätze unten dienen (S. 204 f.).
Zwischenbilanz nach 200 Seiten. Der Fokus des Werkes liegt schon arg auf der Ideen- und vor allem der Parteiengeschichte. Sogar Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte werden fast gänzlich ausgeblendet. Und klassische Ereignisgeschichte (Außen, Innen, Militär) wird ebenfalls – und absehbar – nur als Korsett der Meinungsäußerungen von Intellektuellen und Politikern angerissen.
HAWs Bilanz der 48er-Revolution fällt positiver aus, als man es vielleicht erwartet hätte. Zwar siegt die Reaktion in Preußen, in Österreich und in den allermeisten Staaten der „Trias“, also des dritten, restlichen Deutschlands. Aber immerhin wird Preußen Verfassungsstaat – es ist eine oktroyierte Verfassung, aber Preußen ist nun definitiv kein absolutistischer Staat mehr. Die Konservativen kommen also auch den Rechtsliberalen entgegen, so Winkler – nicht nur umgekehrt.
Hübsch, Heinrich August Winkler über den deutschen Frühnationalismus Johann Gottlieb Fichtes, Friedrich Ludwig Jahns und Ernst Moritz Arndts:
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Am Nachmittag dieses kühlen und stürmischen Hochsommertages ist ein lesenswerter Zeitungsartikel ins Netz gestellt worden. Vor etwa zwei Wochen hatte ein Rostocker Althistoriker (der übrigens schon zuvor durch krude Thesen zum Thema „Islam“ aufzufallen versucht hatte) im Feuilleton der FAZ einen rüpelhaften Angriff auf die Ergebnisse des Historikerstreits vor 25 Jahren – und damit auf den heutigen wissenschaftlichen Konsens – veröffentlichen dürfen.
Heinrich August Winkler hat der Welt ein langes Interview gegeben: „Gehören wir noch zum Westen?“ Es sei gleich lobend erwähnt, daß die beiden Journalisten während des Gesprächs kluge und angemessene Fragen gestellt und das Interview hernach auf erträgliche Länge zusammenredigiert haben.
„Staat und Religion gehören rigoros getrennt.“ Diese kristallin einfache Forderung erhebt Götz Aly in einem – ich sage es nochmals – grandiosen Kommentar für die Frankfurter Rundschau: „Frei von Religion“. Einfach ist die zivilisatorische Grundforderung erhoben – unmöglich ist ihre Umsetzung angesichts des bundesdeutschen Korporatismus.