NachDenkSeiten: „Die Deutschen zwischen Verfolgungs- und Größenwahn“

Die Deutschen zwischen Verfolgungs- und Größenwahn | NachDenkSeiten – Die kritische Website

Wenn man dieser Tage die Verlautbarungen der Politiker und die Kommentare in den Medien verfolgt, dann kann einem nur noch Angst und Bange werden. Es herrscht eine Stimmung, wie man sie in der Literatur oder in der kritischen Geschichtsschreibung vor exakt einhundert Jahren, nämlich vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschrieben findet.

Wir Deutschen sind die Erfolgreichsten, wir sind diejenigen die wirtschaftlich am besten dastehen, wir haben die die richtigen wirtschaftspolitischen Konzepte, wir bürgen und zahlen für die anderen, wir sind die Retter Europas, am deutschen Modell soll Europa genesen. So hört und liest man allenthalben. Dieses Selbstlob, ja diese Selbstüberschätzung trägt Züge von Größenwahn.
Auf der anderen Seite beklagt man die Kritik unserer Nachbarn an der maßgeblich von der deutschen Regierung geprägten Austeritätspolitik mit einer Weinerlichkeit, die man nur noch als Verfolgungswahn bezeichnen kann.

[...]

Das ist die typisch Mischung aus deutschem Größen- und Verfolgungswahn, der im letzten Jahrhundert Europa zweimal in die Katastrophe geführt hat. Die zweite deutsche Demokratie ist auf dem Weg zur ersten.

Die deutsche Großspurigkeit, dass der deutsche Agenda-Kurs alternativlos sei und alle anderen diesem Kurs folgen müssten, koste es was es wolle, ist meilenweit von der Haltung entfernt, mit der Deutschland nicht nur seine Einheit wiedergewonnen hat, sondern zu einem angesehenen und erfolgreichen Glied der europäischen und auch der Weltgemeinschaft geworden ist.

„Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn werden im Innern und nach außen“, sagte Willy Brandt in seiner Regierungserklärung im Jahre 1969. Gute Nachbarn sind nur, die sich dem deutschen Modell unterordnen, heißt es heute.

Essentiell halte ich diese Kritik Wolfgang Liebs am Neuen Deutschen Größen/Verfolgungswahn für vollauf berechtigt. Wie Garton Ash hatte ich das Gefühl, in einem Albtraum zu leben und erwachen zu müssen, als da ein CDU-Wesen öffentlich sagte, von nun an werde „in Europa deutsch gesprochen“.

Es kann einem Angst und Bange werden, und ich halte auch die Erinnerung an den Wilhelminismus vor hundert Jahren nicht für strukturell übertrieben – nicht umsonst fiel dieses Wort schon in den Tagen des unseligen Gerhard Schröders immer wieder. Der Neoliberalismus verspielt Vertrauen, das Deutschland in vielen Jahrzehnten gewonnen gewonnen hat.

Diese Kritik an einem einzigen SZ-Artikel aufzuhängen (den ich als nicht ganz so schlimm empfunden habe) und die Kritik dann doppelt so lang ausfallen zu lassen wie den Artikel selbst, ist, nun ja, das ist halt ein bißchen netztypisch zugleich und irgendwie „links-diskursfreudig“.

Und freilich sind der Neoliberalismus und der Marktradikalismus auch weder deutsche Erfindungen, noch sind sie heute deutsche Alleinstellungs-Merkmale. Der unselige Geist der 80er und 90er Jahre (der Jahre, in denen etwa „England“ ein „Vorbild“ war), er muß nicht nur in Deutschland überwunden werden, sondern in ganz Europa und auf unserem ganzen Planeten.

Project Syndicate: „Does Europe Need Britain? by Ian Buruma“

Does Europe Need Britain? by Ian Buruma – Project Syndicate

Those who favor European unification should take criticisms of its political flaws very seriously. Doing so is the only chance to ensure that a united Europe, whatever form it takes, will be democratic, as well as economically beneficial. That is why Europe needs Britain: not as an offshore center of banking and commerce, but as a difficult, questioning, stubbornly democratic partner.

:d:

(Artikel ist gut drei Wochen alt und erscheint gerade in den „Blättern“ auf deutsch – leider nicht öffentlich im Web lesbar.)

Ich sähe es ähnlich: Solange Frankreich nur Kreaturen wie BHL hervorbringt und Deutschland nur Historiker, solange brauchen wir die Ashs und Burumas aus England. :-)

George W. Bush: „Das Problem mit den Franzosen ist, daß sie kein Wort für Entrepreneur haben.“

So Bush laut TGA, S. 270, mit Nachweis auf Seite 471:
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„Jahrhundertwende“ 4 – eine Banane ergattern

In dem kurzen Text „Ent-Zivilisierung“ (S. 455-458) – der natürlich im wesentlichen von Wichtigerem handelt – findet sich auf S. 456 diese amüsante und doch nachdenklich stimmende Alltagsbeobachtung:
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„Jahrhundertwende“ 3 – um kein Bernard-Henri Lévy zu werden

„‚Britischer Intellektueller‘ – ein Widerspruch in sich?“, S. 421-424. Garton Ash stellt fest, daß Intellektuelle (zumindest der Begriff „Intellektueller“) in England weniger wohlgelitten sind als auf dem europäischen Kontinent, namentlich natürlich als in Frankreich.

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„Jahrhundertwende“ 2 – Das gute Deutschland

Garton Ash hat im Jahre 2007 den Film „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck des längeren besprochen: „Die Stasi in unseren Köpfe“, S. 376-388. Nachdem er sehr ausführlich auf die Nazi-Assoziationen eingegangen ist, mit denen dieser Film über die Stasi operiert, stellt er abschließend fest:

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Erwartungsgemäß und zu Recht (ergänzt)

Erwartungsgemäß ergreift Timothy Garton Ash im Guardian das Wort zu den Ereignissen in Norwegen, und erwartungsgemäß spricht er sich gegen eine gesetzliche Reglementierung des Netzes aus: „The internet nourished Norway’s killer, but censorship would be folly“. Erwartungsgemäß hat er einen klugen Artikel verfaßt.

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Die Burka der Anderen

Timothy Garton Ash, „der Historiker unserer Tage“ und ein Bannerträger der Freiheit ;-) , spricht sich im Guardian – nicht überraschend – dagegen aus, Geert Wilders in den Niederlanden und andere Rechtspopulisten anderswo wegen ihrer xenophoben Äußerungen rechtlich zu belangen. Er fordert hingegen mehr Mut zur politischen Bekämpfung von Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit.

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Das Ding der Engländer (ergänzt!)

Garton Ash spricht sich in seiner Kolumne im gar nicht monarchistischen Guardian für die Erhaltung der britischen Monarchie aus. Dankenswerterweise geht er auf das läppischste Argument gegen die Monarchie – das ihrer finanziellen Kosten – gar nicht ein.

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Liberté, liberté chérie – in der Burqa

Timothy Garton Ash ist also gegen das Montag in Kraft tretende Burka-Verbot auf Frankreichs Straßen: „Believe in liberty, equality, fraternity? This time, don’t follow the French“. Ich halte seine kernliberale Argumentation für ausgesprochen ehrenwert: Was anderen nicht schadet, muß erlaubt sein. Burkaträgerinnen müssen mit Mohammedkarikaturen leben, Mohammedkarikaturen-Liebhaber mit Burkaträgerinnen (wenn auch nicht mit diesen zusammen).

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DIN und das, Made in Germany

Timothy Garton Ash empfiehlt in seiner Kolumne im Guardian den neuentstandenen oder neuentstehenden Demokratien in der arabischen Welt den deutschen Weg der „Vergangenheitsbewältigung“ und „Aufarbeitung“ der eigenen Geschichte (er zitiert diese Begriffe auf deutsch) als Vorbild: „Germany can show reborn Arab nations the art of overcoming a difficult past“.

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„Das Fax-Gerät wird euch befreien!“

Diesen Satz vor einem Vierteljahrhundert irgendwo in Osteuropa gehört zu haben, erinnert sich Timothy Garton Ash vorgestern in seiner Guardian-Kolumne. Es geht um die Ereignisse in Tunesien und den Einfluß des Internets und insbesondere der „Sozialen Medien“ auf sie: Twitter und Wikileaks hätten die Tunesische Revolution nicht verursacht, sie seien aber für die tunesischen Demonstranten hilfreich gewesen.

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Die Ehre Belgrads

Eine saugeile Passage aus Garton Ashs „Jahrhundertwende“. Es geht um die serbische Revolution vom Oktober 2000, also um den halbfriedlichen Machtwechsel von Slobodan Milosevic zu Vojislav Kostunica:

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Wir verknacken sie alle!

atatuerkEin hübscher kleiner Kommentar von Berthold Seewald in der Online-Welt: „Atatürk vor dem Richter“. Au ja, so machen wir das! Zunächst stellen emeritierte Jura-Profs aus Deutschland, Holland und Finnland sämtliche Granden der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts vor Gericht: Kaiser Wilhelm, Pétain, Atatürk, Pilsudski, Mussolini, Horthy, Antonescu, Bandera, de Gaulle, Churchill, Benes und, und, und. Einfach alle. Franco macht Garzón in Spanien persönlich. Und danach werden sie dafür dann in der Türkei oder demnächst vermutlich in Den Haag vor Gericht gestellt.

Und ich zitiere hier nochmals und gerne Timothy Garton Ash: „So join us, please, to see off the nanny state and its memory police.“ :d: *klick*

Appel de Blois – lu et apprové

In Frankreich hat die Rebellion der Historiker im Jahre 2005 begonnen – aus gegebenem Anlaß weitet sie sich nun auf das restliche Europa aus. Timothy Garton Ash – um deutliche Worte nie verlegen – legt im Guardian dar, worum es geht:

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