„Déjà vu, déjà entendu!“

Der Historiker Peter Jahn bringt in einem sehr lesenswerten (in der Online-Ausgabe aber leider durch Paginierung entstellten) Artikel Günter Grass‘ Entgleisung im Gespräch mit Tom Segev auf den Punkt:

Déjà vu, déjà entendu! Es ist, als lauschten wir Heranwachsenden der fünfziger Jahre wieder am Kaffeetisch den Erwachsenen, noch gefangen in Respekt und Schuldgefühlen vor deren Leiden und Leistungen und schon empört über den Einheitstopf, in dem alle Leidensgeschichten zu einer großen Tragik verrührt wurden.

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Barbarossa 70

Heute jährt sich der Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion zum 70. Male. Und meine vor sieben Jahren anläßlich des 60. Jahrestages der alliierten Landung in der Normandie geäußerte Vermutung scheint zuzutreffen: die 60. Jahrestage sind stets die Höhe- und Schlußpunkte des Gedenkens an militärische Ereignisse. Danach gibt es keine lebenden Teilnehmer in nennenswerter Zahl mehr, die Sache wird für die Öffentlichkeit weniger interessant.

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Das Ende der Fahnenstange

Bemerkenswert, daß das größte Debakel der deutschen Militärgeschichte im kollektiven Gedächtnis überhaupt nicht präsent ist. Ich meine den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Hochsommer 1944. Es gibt nicht einmal einen richtigen deutschen Namen dafür, obwohl die Verluste erheblich höher sind als in Stalingrad und die Rote Armee danach vor den Toren Deutschlands steht.

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Sie machen mir Geschichten

geschichtenNicht so, sondern „Geschichten aus Geschichte machen“ heißt ein lesenswertes Plädoyer des amerikanischen, in Geschichte machenden Journalisten und Pulitzerpreisträgers Rick Atkinson in der Welt: Historiker sollen Geschichten erzählen. Grundsätzlich natürlich eine berechtigte Forderung, obwohl das in der Militärgeschichte auch einfacher ist als anderswo… Aus dem Text:
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Sushi in Berlin, 1945

sushiIch habe heute irgendwo im Twitter gelesen, daß man sich in Google Earth für einige Weltgegenden (in Deutschland leider nur für Berlin) historisches Luftbildmaterial einblenden lassen kann, beispielsweise Aufnahmen von 1945 oder von 1953. (Wie’s geht.) Hübsch grotesk wird’s dann, wenn man das mit den Dönerbuden- und Pizzerien-Layern von heute überlagert…

SZ: „Posaunen der Hölle“

szSchade, die SZ scheint immer mehr nach FAZ-Vorbild zu mauern, und der PT hat’s noch nicht gemerkt. Ein Artikel über die Zerstörung der polnischen Kleinstadt Wielun durch die deutsche Luftwaffe am 1. September 1939 ist jedenfalls nicht online greifbar. Das ist schade, denn noch viel zu oft war dieser Tage zu lesen, der 2. Weltkrieg habe „mit der Beschießung der Westerplatte“ begonnen. Aber nein, er beginnt auch und zeitgleich mit der Ausradierung einer Stadt. Die Geister, die man rief… – Link

Kanalisiert vs. globalisiert

wegnerSchade, Lesebefehle erteilen kann ich nun wirklich nicht, ansonsten würde ich zumindest jeden historisch Interessierten anweisen, sich das Interview mit dem in Hamburg (BW-Uni) lehrenden Historiker Bernd Wegner in der heutigen Frankfurter Rundschau zu Gemüte zu führen: „Der Zugang zur Geschichte ist kanalisiert“ – in jedem Absatz lesenswert.

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Der Krieg, der viele Väter hatte

pearl_harborDer pazifische nämlich. Auf Project Syndicate findet sich ein ganz interessanter Artikel von Eri Hotta über den Ausbruch desselben: „Warum wir Pearl Harbor nicht vergessen sollten“. Da das Jubiläum des Angriffs (7.12.) schon ein paar Tage her ist, vermute ich, daß der Artikel auch nicht ganz neu ist, ich finde ihn aber erst jetzt.

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Buttiglione über Pius XII.

buttiglioneRocco Buttiglione, der bekanntlich 2004 wegen seiner konservativen Ansichten über Homosexualität und die Rolle der Frau nicht EU-Kommissar werden durfte, verteidigt auf Project Syndicate Papst Pius‘ XII. Verhalten während des Zweiten Weltkriegs. Im Kern möchte er erklären, warum Pius XII. den Nationalsozialismus nicht verurteilt habe.

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NZZ – War Japan eine Angreifer-Nation? (Kultur, Aktuell, NZZ Online)

Ein hoher Offizier der Japanischen Armee hat Japan auf Augenhöhe sehen wollen, und zwar bemerkenswerterweise kurz *vor* seiner Pensionierung. Leider sagt die NZZ nicht, was er eigentlich gesagt hat, es ist da ganz offensichtlich eine Textpassage unter die Räder gekommen. – Link

Stimmen zu „Anonyma“

Heute mehrere Rezensionen des Films „Anonyma“ von Max Färberböck gelesen.

Andreas Kilb liefert in der FAZ einen richtiggehenden Verriß. Er lobt die Buchvorlage und wirft dem Film vor, objektiv sein zu wollen, wo man nur subjektiv sein kann. Die Charaktere seien viel zu klischeehaft und schematisch, der Keller viel zu groß, um das Breitwandformat zu füllen. Besonders scheußlich sei die Liebesgeschichte:
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Die Gustloff

gustloff.jpgNun, ich war vorgewarnt, und einen besseren Titel als den des vorwarnenden FAZ-Artikels würde ich allemal nicht finden: „Schmacht fiel über Gotenhafen“. Daß ich das länger als zwanzig Minuten ausgehalten haben, hatte persönliche Gründe: das zweite Frühstück, dann ein Mattigkeitsanfall, der mich auf dem Sofa fixiert hat.

Es ist nicht ganz so schlimm wie dieser unsägliche Dresden-Zweiteiler vor etwa zwei Jahren, in dem sich eine Dresdnerin in einen englischen Piloten verliebt, aber doch noch schlimm genug. Es ist in etwa so schlimm wie „Die Flucht“ mit Maria Furtwängler, würde ich sagen.

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Sophie Scholl – Die letzten Tage

fme_letzte_tage.jpgFilm-Mittwoch im Ersten: „Sophie Scholl – Die letzten Tage“, 2005, Sophie Scholl (Julia Jentsch), Hans Scholl (Fabian Hinrichs), Robert Mohr (Alexander Held)

Als ich das vor einem Jahr zum ersten Mal gesehen hatte, habe ich – damals noch auf k2 – jubelnd in die Tasten gehauen, und ich wäre geneigt, das noch einmal zu tun. Ein exzellenter, kluger, mutiger, mitreißender und belehrender Film.

Aller historischer Film steht vor ganz unüberwindlichen Schwierigkeiten, deren wichtigste die Sprache ist. Wie anders hat man damals gesprochen. Schon was den Akzent und seine gesellschaftliche Rolle, vor allem aber auch, was den Tonfall, die Sprachkonventionen des sozialen Substrats, angeht. Wenn man Sophie Scholl, wie man das tun sollte, als Heldin zeichnen will, muß man sie sprechen lassen nicht wie eine heutige Studentin heute, wohl aber so, wie sich eine Studentin von heute eine Studentin von damals vorstellt.

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