Was lernen

von Harki

Auf FAZ.net eine ganz interessante „Allensbach-Analyse“, wie sich die Deutschen so die Frage „Was ist eigentlich Bildung?“ beantworten. Breiter Konsens besteht noch hinsichtlich der Frage, daß die Schule nicht nur „auf das Berufsleben“ vorbereiten, sondern zumindest auch „Allgemeinbildung“. Nur: das, was dann unter Allgemeinbildung vestanden wird, hat dann wenig mit etwelchen humanistischen Bildungsidealen zu tun:

Lesen und Schreiben sollen die Kinder unbedingt lernen, Rechnen auch, und „leistungsbereit“ sollen sie gemacht werden. Englisch ist auch noch wichtig. Unwichtig sind Literatur und Musik, am allerunwichtigsten ist Latein. Nach Chinesisch wurde nicht gefragt.

Die auch hier schon des öfteren gemachte Beobachtung, daß in der Schule wieder mehr gebüffelt wird, scheint sich auch daran verifizieren zu lassen, daß wieder mehr Leute wissen, daß Luther vorm Dreißigjährigen Krieg gelebt hat. Oder kommt das doch von Knopp? Die Passage ist hübsch:

Diese Ergebnisse sind kein Hinweis darauf, dass der Bildungsstand allgemein gegenüber den neunziger Jahren gesunken ist. Eher ist das Gegenteil der Fall. Seit den fünfziger Jahren legt das Allensbacher Institut seinen Befragten immer wieder Wissensfragen vor. Ob es um Geographie, das chemische Zeichen für Sauerstoff, das Wiedererkennen von Baumblättern oder kleine Rechenaufgaben geht, in den meisten Fällen sind die Leistungen der Befragten heute gleich gut oder etwas besser als noch vor wenigen Jahren. Das gilt auch für das historische Verständnis. Eine Frage lautete: „Wissen Sie das zufällig: Hat Luther vor dem Dreißigjährigen Krieg gelebt oder nach dem Dreißigjährigen Krieg?“

Seit Mitte der siebziger Jahre sank langsam, aber stetig der Anteil derer, die diese Frage richtig beantworten konnten, und dies, obwohl gleichzeitig die Zahl derer, die über einen höheren Schulabschluss verfügten, rasch anstieg. Mitte der neunziger Jahre lagen die Kenntnisse der Befragten mit Abitur auf dem Niveau, das im Jahr 1976 die Befragten mit mittlerer Reife aufgewiesen hatten. Doch seitdem hat sich der Trend umgekehrt. Heute wissen wieder 56 Prozent der Deutschen, nahezu gleich viele wie vor einem halben Jahrhundert, dass Luther vor dem Dreißigjährigen Krieg gelebt hat, unter den Befragten mit Hochschulreife sind es immerhin wieder drei Viertel. Die Bildung, so möchte man schließen, hat in Deutschland ihren Tiefpunkt vielleicht durchschritten. Das Bildungsbürgertum dagegen nicht.

17 Kommentare zu „Was lernen“

  1. Rakir

    Heute wissen wieder 56 Prozent der Deutschen, nahezu gleich viele wie vor einem halben Jahrhundert, dass Luther vor dem Dreißigjährigen Krieg gelebt hat […]

    Hm … von der richtigen Antwort auf eine Frage mit nur zwei möglichen Antworten auf Wissen zu schließen, grenzt ja schon fast wieder an Unwissen. Reines Raten würde schon eine ‚Wissensquote‘ von 50% ergeben. Da erscheint 56% nicht besonders hoch. Oder hab ich etwas missverstanden? Trotzdem ein interessanter Artikel, der auch meine Verwunderung über die vielfältigen Verwendungen des Begriffs ‚Bildung‘ widerspiegelt.

  2. Reines Raten würde schon eine ‚Wissensquote‘ von 50% ergeben. Da erscheint 56% nicht besonders hoch. Oder hab ich etwas missverstanden?

    Stimmt eigentlich ganz auffällig, danke für den Hinweis…

  3. Rakir

    Hm … wenn ich annehme, daß die, die das wirklich wissen, sich nicht vertun und die, es nicht wissen, rein raten, dann komme ich auf eine Wissenquote von 12 %. Das ist aber wieder so niedrig, daß ich es kaum glauben kann. Aber vielleicht verstehe ich da tatsächlich etwas falsch.

  4. Hm, vielleicht gab es noch die Möglichkeit, anzugeben, daß man es nicht weiß? Oder nichts anzugeben. Aber die meisten Befragten dürfte dann wohl doch eher geraten haben statt ihr Nicht-Wissen zuzugeben. 12 % scheint mir aber auch unglaublich niedrig. Ich hätte mit vielleicht 30 % gerechnet, und ich neige an sich dazu, andere Leute für blöder zu halten als sie sind…

  5. Rakir

    Hm … wenn ich allerdings annehme, daß die Zahl 56 % korrekt ist, dann müßten 78 % die Frage nach der relativen Lebenzeit Luthers richtig beantwortet haben, was mir zwar hoch, aber nicht vollkommen unmöglich erscheint. Naja, ich nehme mal an, ich hab mich vertan … :crap:

  6. Rakir

    Stimmt Harki. Wir wissen nicht, wie die Umfrage gestaltet war, obwohl die FAZ ja nur von ‚wissen‘ schreibt und nichts von nicht-wissen, wissen, daß man es nicht weiß, oder Auskunftsverweigerung. Es wäre schön, wenn sie da genauer wären, zumal solche Informationen gern emotionalisiert werden.

  7. wenn ich allerdings annehme, daß die Zahl 56 % korrekt ist, dann müßten 78 % die Frage nach der relativen Lebenzeit Luthers richtig beantwortet haben

    Tut mir leid, Rakir, ich steh aufm Schlauch: wenn 56 % gewußt haben, daß Luther vorm 30jährigen Krieg gelebt hat, wieso haben dann 78 % (und nicht nur 56 %) die relative Lebenszeit Luthers gekannt?

  8. Rakir

    Harki, ich denke mir folgendes: ein Teil der Bevölkerung weiß es, der andere rät. Raten kann man entweder richtig oder falsch; wissen impliziert sich nicht zu irren (in unserem Kontext). Wenn es also 56 % wissen, dann müssen 44 % raten. Im einfachsten Fall raten 22 % richtig und 22 % falsch. Also beantworten 22 % die Frage richtig, obwohl sie es nicht wissen, also geraten haben. In der Summe würden also 56 % die Frage richtig beantworten, weil sie es wissen, und 22 %, weil sie richtig geraten haben; also ergäbe das 78 % richtige Antworten. Das wäre eine optimistische Interpretation dessen, was der Text meiner Meinung nach hergibt.

    An und für sich braucht man die Lebenszeit Luthers ja gar nicht wissen und auch diverse Jahrestage, die bald anstehen, um die Frage zu beantworten, da man den Ereignissen eine gewisse Kausalität unterstellen kann. Und Kausalität impliziert temporale Präzedenz …

  9. Ach so, jetzt kapiere ich, danke: Wenn’s wirklich 56 % gewußt haben, hätte es 78 % richtige Antworten geben müssen, klar. Bzw. vielleicht hat es das auch. Nun ja, Meinungsforschung ist ja eine Wissenschaft, und wir können vermuten, daß die Daten irgendeiner Form aufgearbeitet sind.

    An und für sich braucht man die Lebenszeit Luthers ja gar nicht wissen und auch diverse Jahrestage, die bald anstehen, um die Frage zu beantworten, da man den Ereignissen eine gewisse Kausalität unterstellen kann. Und Kausalität impliziert temporale Präzedenz …

    Richtig, man muß nur wissen, das Luther die Reformation losgetreten hat, und irgendwie schon mal gehört haben, daß der 30jährige Krieg was mit „evangelisch gegen katholisch“ war…

  10. Rakir

    Weshalb ich darüber gestolpert bin, war, daß im FAZ-Artikel anscheinen ‚wissen‘ und ‚die Frage beantworten können‘ synonym gebraucht werden, was mich irgendwie gestört hat. Aber, OK, vielleicht höre ich besser auf mit der Raterei, bevor sie zum Selbstzweck verkommt ;-)

  11. Ja, man kennt halt deren Methoden nicht… Es ist nur bekannt, daß Meinungsforschungsinstitute oft keine „Rohdaten“ veröffentlichen, sondern nach ihren jeweils eigenen Methoden „bereinigte“, optimierte…

    Ach, und mir wäre noch eingefallen, daß es natürlich unmöglich ist, aus den von uns angenommen 78 % zutreffenden Antworten umgekehrt zu ermitteln, wieviele davon geraten waren. ;) Jedenfalls brauchte es da schon subtilere Methoden, die uns wohl in der Tat unbekannt sind und die sich auch unserer Beurteilung entzögen.

  12. Rakir

    OK, ich geb zu, daß ich mir gestern abend weiter Gedanken gemacht habe über Meinungsforschung. Unter anderem hab ich auch zuerst gedacht, daß es unmöglich ist von den 78 % auf auf die 56 % zu kommen. Aber so könnte es möglich sein: Wenn man wieder annimmt, daß diejenigen, die es wirklich wissen, keine Fehler machen und die anderen echt (50/50) raten, dann kann man ableiten, daß 22 % (100 % – 78 %) fallsch geraten haben und daher ebenso 22 % richtig geraten haben. Daher haben 78 % (richtige Antworten) – 22 % (richtig geratene Antworten) = 56 % (‚gewußte‘ Antworten) es tatsächlich gewußt. Es kommt mir schon merkwürdig, sich so viele Gedanken darüber zu machen. Vielleicht liegt es auch daran, daß ich mir angewöhnt habe, mich, wenn es um Zahlen geht, ‚dumm‘ zu stellen und zu fragen, da die eigene Intuition oft versagt, gerade wenn es um subtilere Zusammenhänge oder sehr große respektive kleine Zahlen geht.

  13. Kleiner Szenenapplaus. :) Hat mir fast einen Stich gegeben, nichts selbst darauf gekommen zu sein.

    Die Leute einzurechnen, die gar nichts geantwortet oder beides angekreuzt haben, dürfte nicht so schwer sein.

    Zu bedenken wäre aber, daß in den 22 % falschen Antworten auch einige von Leuten enthalten sein dürften, die felsenfest davon überzeugt sind, daß Luther nach dem Dreißigjährigen Krieg gelebt hat – die also nicht nurmehr falsch geraten haben. Andererseits würden die aber vielleicht durch die richtigen Antworten neutralisiert, die aufgrund eines Mißverständnisses gegeben wurden, etwa weil der Befragte Luther mit Jesus oder den 30jährigen Krieg mit dem 2. Weltkrieg verwechselt hat. ( ;) )

    Also: Mir scheint die Zahl 56 % einigermaßen plausibel, eher überraschend hoch.

  14. Rakir

    Oder die falschen Antworten, die trotz Wissen gegeben wurden, weil die ganze Sache dem Befragten so egal ist, daß er nicht einmal bei der Frage richtig zuhören will, wie das bei mir normalerweise der Fall ist ;-) Jedenfalls müssen Modellvermutungen wie immer verifiziert werden, und man muß sich über die Konsequenzen im klaren sein. Aber ich vermute schon, daß Allensbach das halbwegs vernünftig macht und nur die Formulierung in der FAZ mißverständlich war.

  15. Wobei man aber sagen muß, daß diese Allensbach-Features in der FAZ eigentlich immer von Allensbach-Leuten verfaßt sind und nicht von FAZ-Redakteuren… (Ich glaube, den Wert – 56 % – werde ich so schnell nicht vergessen…)

  16. Rakir

    Ja, der Herr Petersen ist (oder zumindest war) laut Perlentaucher von Allensbach (http://www.perlentaucher.de/autoren/10618.html). Wie auch immer, den Wert werde ich auch nicht so schnell vergessen!

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