Wilhelm II., Stürmer

von Harki

In der Online-Welt ein längerer und lesenswerter Artikel vom gerade 70 Jahre alt gewordenen Michael Stürmer über Wilhelm II.: „Kaiser Wilhelm II. reizt die Deutschen wieder“. Inwiefern und warum er das tue, wird allerdings nicht ganz klar.

Sicher, weil sie sich in ihm „wiedererkennen“. Diese Kombination aus Aufrichtigkeit, Naivität und unschuldig-trotteliger Großmannssucht ist vielleicht wirklich – man getraut sich kaum, dieses Wort zu benutzen – typisch deutsch.

Nun, zwei Bücher über Wilhelm II. erwähnt Stürmer: der dritten Band der Biographie von John Röhl wird etwas gereizt als unstrukturierte Materialhuberei systematisiert, wegen ihrer Stringenz gelobt wird hingegen die Wilhelm-Biographie von Eberhard Straub, die sich auch durch ihrern „Sinn für Ironie, Scherz, Satire und tiefere Bedeutung“ auszeichene. Klingt gut. Vorhin kam ein Newsletter von Götz Kubitscheks Antaios-Verlag, so bin ich überhaupt erst auf den Stürmer-Artikel aufmerksam geworden – auch bei Antaios kann man mithin das Buch von Straub erwerben.

Bemerkenswerterweise rechtfertigt Stürmer zwei Handlungen Wihelms, die im populären Geschichtsbild in der Regel als zwei seiner Todsünden gelten: nämlich die Entlassung Bismarcks und das Flottenbauprogramm. Nun, eigentlich rechtfertigt es sie nicht – er stellt sie als „moderne“, aus ihrer Zeit zu begreifende Taten dar.

Ja, modern sind große Jungs ziemlich oft. Ich bin mir sicher, daß W II heute die c’t lesen würde.

Und ebenfalls in der Welt findet sich ein geradezu hymnischer Geburtstagsartikel für Michael Stürmer von Hans-Peter Schwarz: „Ein Konservativer im besten Sinne“. Daraus:

Zugleich hält er an der unpopulären Auffassung fest, dass es seit 1949 die amerikanische Hegemonialmacht ist, der auch die Bundesrepublik Frieden und Sicherheit verdankt. Ohne die Pax Americana, so meint er, würden die Wohlstandsgesellschaften Europas im Ernstfall einer größeren Weltkrise ziemlich hilflos dastehen.

Wo ist Stürmer weltanschaulich zu verorten? Er ist ein Bürger, ein Konservativer im besten Sinne, der sich auch selbst als eine Art wissenschaftlicher Unternehmer versteht. Das heißt aber: Er ist mit unserer politischen Klasse nicht uneingeschränkt zufrieden. Während der vorherrschende Zeitgeist einem versimpelten Kantianischen Universalismus huldigt, den Tugenden einer säkularisierten Bergpredigt zu folgen heuchelt oder vom Regieren jenseits des Staates träumt, hält Stürmer es mit den freien und skeptischen Geistern: Machiavelli, Hobbes, Burke und Jakob Burckhardt.

(Zu Artikeln wie den beiden hier präsentierten passen übrigens die notorischen Titten-Bilder im rechten Seitenbalken von welt.de immer besonders gut.)

8 Kommentare zu „Wilhelm II., Stürmer“

  1. frei_sein

    Vorher habe ich mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, daß auf Phönix zwei Dokumentationen über die Deutsche Kriegsmarine im 1. Weltkrieg kamen, die quasi ohne Moralhuberei oder zu oberlehrerhafte Bemerkungen auskamen.

  2. Sag mal, was ist denn mit Dir los?! Hast Du auf einmal ’nen Fernseher?

  3. frei_sein

    Nein, ich habe nur Zattoo. Wenn ich mich dessen erinnere, gibt es so Phasen, wo ich 2-3 Tage hintereinander gelegentlich fernsehe, bis ich ich wieder die Lust verliere und fast vergesse, das Programm installiert zu haben :D

  4. Zattoo – das kenne ich gar nicht, muß ich mir unbedingt mal anschauen…

  5. frei_sein

    Funktioniert recht ordentlich, manchmal sind systembedingt kleine Hakler drin, besonders bei weniger nachgefragten Programmen, aber für Fernseherlose wie mich reicht es. Und es läuft auf dem Mac und sogar Ubuntu. Natürlich sind nicht alle Sender vertreten, besonders die „großen“ Privaten wie RTL oder Pro7 nicht, aber die würde ich eh nicht :) Wenn man länger fernsehabstinent war, findet man die dauernden Werbeunterbrechungen, und die Dämlichkeit der Werbung selbst, generell noch krasser.

  6. Ey, das ist ja cool! Vielen Dank für den Tip! :knuddel:

    Al Jazeera Englisch, France 24 und vor allem alle Dritten Programme! Auch Bayern (das sie hier aus dem Kabelnetz geschmissen haben, soll aber demnächst wieder da sein) und Bremen. Die Qualität scheint mir sehr akzeptabel.

    (Aus k2 hätte ich jetzt gesagt: „Eigenen Thread!“ Aber das geht hier nicht… ;) )

    Schön :)

  7. Möchtegern

    Will eure TV-Lobreden ja nicht stören, aber zum Thema:

    Wilhelm II. ist ein Faszinosum. Körperlich und geistig labil steuerte er das deutsche Schiff sehenden Auges in den Untergang (sorry für die doofe Metapher). Seine Religionspolitik finde ich vor allem bezeichnend. Er hat es geschafft, das Volk konfessionell zu versöhnen und es kommt nicht von ungefähr, dass in seiner Amtszeit die ökumenische Bewegung in Deutschland entstand.

  8. Zeit und SZ rezensieren den dritten Band der WII-Biographie von John Röhl, der Perlentaucher faßt’s zusammen, ich fasse den PT zusammen:

    Die Renzensenten sind sich anscheinend einig: Das Bild von Wilhelm muß nicht grundsätzlich korrigiert werden: politisch extrem ungeschickt und charakterlich zweifelhaft, nicht bösartig. Das Buch wird als „verdienstvoll“, aber zu lang und zu quellendurchschossen empfunden. Röhl macht den typischen Fehler des Biographen: er nimmt seinen Helden zu wichtig und unterschätzt die Bedeutung seines näheren und weiteren Umfeldes.

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